Anfänge der SPD in Walldürn


 

 

 

 

Auszüge aus der Festrede von Gerd Teßmer MdL a.D. Ehrenkreisvorsitzender

 

 

 

 

 

 

Möglichkeiten sozialdemokratischer Agitation im ländlichen Raum

Die Ausbreitung sozialdemokratischen Gedankenguts hing von den damals bestehenden Kommunikationsmöglichkeiten und von der Wirksamkeit städtischer „Agitationszentren“ ab. Da sich die SPD vorrangig als Arbeiterpartei verstand, war sie vor allem in den industriellen Ballungszentren wie etwa im roten Mannheim beheimatet und warb von dort aus weitere, auch ländliche Anhänger. Unterstützt wurde sie dabei von den Gewerkschaften. Nicht selten gingen gewerkschaftliche Vereinigungen den Parteigründungen voraus. Waren es doch die Gewerkschaften, die eine Politisierung noch unentschlossener Arbeiter durch organisiertes Vorgehen für zunächst sehr naheliegende Ziele wie Lohnsicherheit, Tagesarbeitszeit und Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreichten.

 

[...] Mannheim, die aufstrebende Industriestadt war wirtschaftlicher und auch politischer Vorort eines weiten Umlandes geworden und damit auch wichtiger Stützpunkt für die SPD. Von hier aus zogen 1891 die ersten beiden Sozialdemokraten August Dreesbach und Dr. Rüdt in den badischen Landtag ein. In der dortigen Arbeiterschaft festigte sich die sozialdemokratische Überzeugung in einer Weise, dass sie auch ins badische Hinterland ausstrahlte.

 

„Die Arbeiter, besonders die jüngeren, waren von leidenschaftlichem politischen Idealismus erfüllt“ schreibt der aus Hessen gebürtige später lange in Stuttgart wirkende Politiker Wilhelm Keil über die 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Von Keil wissen wir auch, wie er als Holzarbeiter von Mannheim aus weite ‚Agitationsreisen‘ für die SPD unternahm. Ihn und andere SPD-Wahlredner erlebte damals erstmals auch die Odenwald-Region.

 

Zu dessen bäuerlicher und bürgerlicher Bevölkerung waren inzwischen, wenn auch mit erheblicher zeitlicher Verzögerung gegenüber dem restlichen Baden ebenfalls Arbeiter hinzugekommen. Sie kamen aus der klein- und unterbäuerlichen Schicht und konzentrierten sich in Orten mit kleinen Unternehmen. Während des gründerzeitlichen Bau-Booms waren dabei die Steinbruchbetriebe und die Sägewerke des Odenwalds von besonderer Bedeutung für die SPD. [...]

 

Dass eine besondere Maßnahme aus Karlsruhe die Ausbreitung der SPD im Hinterland förderte, hatte sich die großherzogliche Regierung kaum träumen lassen. Als 1866 die Bahnlinie Heidelberg-Würzburg fertig war und 1887 die Nebenstrecke Seckach-Walldürn dazukam, entstanden bald kleine sozialdemokratische Stützpunkte überall da, wo Bahnarbeiter und Bahnbedienstete als überzeugte Sozialdemokraten ins Hinterland kamen. Diese neuen Bürger bezogen ihren Lohn nicht mehr von Willkür geprägt aus den Händen von nicht gerade sozial denkenden Unternehmern, sondern hatten feste, wenn auch nicht gerade üppige Staatsgehälter, bei deren Auszahlung zwar auf Wohlverhalten gegenüber dem Staat Wert gelegt wurde, aber bei deren Auszahlung nicht von vornherein politische Parteiarbeit untersagt war oder behindert wurde.[...]

 

 

Das Anwachsen der SPD und die Gründung erster Ortsvereine

In Walldürn gab es seit der Zeit nach der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert schon einen SPD-Ortsverein, der seit 1919 aktiv in der Öffentlichkeit auftrat. Mai-Umzüge wurden lautstark vom Kampfruf „Freiheit“ oder genauer „Freiheit welle mer“ begleitet. Trotz dieses wirtschaftlichen und kulturellen Sonderdaseins blieben Walldürns Sozialdemokraten praktizierende Katholiken, so wie sich auch anderorts gläubige Arbeiter gegenüber ihrer Kirche großzügiger zeigten als ihre Kirche ihnen gegenüber. Sie waren immer bemüht, zwischen Glaubensangelegenheiten und politischen Überzeugungen nicht unüberwindliche Gegensätze zu sehen. Bei der SPD wußte man sein Standesinteresse, bei der Kirche die Sorge für das allgemeine Seelenheil am besten aufgehoben. Es wird berichtet, dass die große Mehrheit der katholischen Sozialdemokraten aus der Schmalgasse kamen [...]

 

Den ganzen Vortrag von Gerd Teßmer mit einer lebendigen Schilderung der Geschichte der SPD in unserem Raum finden Sie hier . .  .