1918 - 1925

Revolution und demokratischer Aufbruch . . .


17. November 1918

Volksversammlung 1918


Die „Mannheimer Volksstimme“ berichtet in ihrer Ausgabe vom 18. November 1918 über eine „Volksversammlung“, die in der Aula der Volksschule stattfand und in deren Anschluss die Gründung eines „Sozialdemokratischen Vereins“ beschlossen wurde.

„Walldürn, 18. Nov. Nunmehr hat die Sozialdemokratie auch hier in Walldürn ihren Einzug gehalten. Gestern fand eine von unserem Parteigenossen Englert einberufene Volks-versammlung in der Aula des Schulhauses statt, die mehrere hundert Teilnehmer aufwies.

Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung unterzog der als Redner erschienene Stadtrat Meier–Heidelberg die Sünden der bisherigen deutschen Herrenkaste einer vernichtenden Kritik. Nur die Revolution habe Deutschland vor dem völligen Untergang retten können.

Nunmehr gelte es die Errungenschaften der Revolution zu befestigen und Deutschlands Verfassung im demokratisch-sozialistischem Sinne auszubauen. Anschließend an das Referat wurde die Gründung eines Sozialdemokratischen Vereins beschlossen, dem sofort 63 Mitglieder beitraten. Ein Zeichen, dass nunmehr auch das Frankenland erwacht!“

1. Mai 1919

Tag der Arbeit - Maifeier 1919

Die Tatsache, dass lange das Jahr 1919 als Gründungsjahr des SPD-Ortsvereins Walldürn angenommen wurde, beruht auf einem Ereignis, das am 1. Mai 1919 auf der Walldürner „Heide“ stattfand.

Mit Parolen, wie „Nie wieder Krieg“ oder „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zog die Arbeiterschaft Walldürns mit großer Unterstützung auch von auswärts zu einer Maikundgebung auf die Walldürner „Heide“.

Ziel des Protestmarsches war ein Gedenkstein, der ursprünglich für den Badischen Prinzen, der in Walldürn an einem Militärmanöver teilgenommen hatte, aufgestellt wurde - heute erinnert er an den Heimatforscher Hans Eckstein. 

 

Als Zeichen, dass eine neue Zeit angebrochen war und wohl auch als Ausdruck des neuen Selbstbewusstseins der Arbeiterschaft wurde der Gedenkstein der Monarchie umfunktioniert, indem man die Worte „Maifeier 1919“ einmeißelte. Die Inschrift sollte später im Dritten Reich wieder entfernt werden.

Einer der damaligen Organisatoren war der Bahnbedienstete Julius Götz.

Weitere Sozialdemokraten der ersten Stunde waren Josef Heilmann, Theodor Frei, Ferdinand Fieger, Anton Gerold und Josef Schell.

1919 - Wahl der Gemeindeverordneten

Demokratische Wahlen

 Bei den Wahlen der Gemeindeverordneten am 25. Mai 1919 traten die Sozialdemokraten als "Sozialdemokratischer Verein" ab.

Aus dem „Protokoll zur Wahl der Gemeindeverordneten, Bezirksräte und Kreisab­geordneten“ vom 25. Mai 1919 geht hervor, dass der „Sozialdemokratische Verein“ mit 24 Bewerbern bei dieser Wahl angetreten ist. Blickt man auf die Berufsbezeichnungen, so findet man Steinhauer, Arbeiter und Handwerker (Schlosser, Wagner und Maurer), die auf der Liste des Sozialdemokratischen Vereins kandidierten. Daneben finden sich ein Gastwirt, ein Schneidermeister und ein Kaufmann auf der Liste. Zu wählen waren 48 Gemeindeverordnete, von denen die SPD sieben Sitze erzielen konnte.

 

Gewählt wurden Eugen Berberich (Steinhauer), Heinrich Trunk (Bahnhofarbeiter), Theodor Frei (Arbeiter), Ludwig Wallmann (Gastwirt), Joseph Schell (Steinhauer), Karl Fach (Steinhauer), Albert Gaukel (Steinhauer), Ludwig Lenz (Schlosser) rückte für den ausgeschiedenen Ludwig Wallmann nach. Für den Bezirksrat in Buchen kandidierten die Walldürner Willy Gaukel (Kaufmann), Albert Gaukel (Steinmetz) und Wilhelm Schneider (Steinbruchbesitzer).

 

1922 - Wahl zum Bürgerausschuss

Vereinigte Arbeiterschaft

In ihren Anfangsjahren war die Walldürner Arbeiterschaft noch in zwei Gruppierungen gespalten. Die Gründungsmitglieder des Sozialdemokratischen Ortsvereins traten bei der Wahl zum Bürgerausschuss als „Vereinigte Arbeiterschaft“ an.

Bei der Wahl zum Bürgerausschuss im Jahr 1922 schlossen sich den Sozialdemokraten auch Nichtmitglieder der SPD an, so dass man bei der Wahl als „Vereinigte Arbeiterschaft“ antrat. Von den insgesamt 28 zu vergebenden Sitzen im Walldürner Bürgerausschuss erreichte die „Vereinigte Arbeiterschaft“ sechs Sitze. Neben der „Vereinigten Arbeiterschaft“ gab es eine zweite Liste, die politisch links von der SPD stand, die „Arbeiterpartei“, die sogar elf Sitze im Bürgerausschuss für sich gewann.

Weshalb es zwei Listen der Arbeiterbewegung gab kann heute nur noch vermutet werden. Aus älteren Unterlagen geht hervor, dass die „Spaltung der Walldürner Arbeiterbewegung – aus lokalen Gründen – auch noch 1926“ bestand.     


1925 - 1932

Demokratische Verantwortung


1925

Bürgermeister Dr. Arthur Trautmann

Als im Jahr 1925 die Stelle des Bürgermeisters in Walldürn ausgeschrieben wurde, bewarb sich der Jurist Dr. Arthur Trautmann. Erste berufliche Erfahrungen in der öffentlichen Verwaltung hatte er bereits als Angestellter in der Justizverwaltung des Landes gesammelt.

Das Regieren der Wallfahrtsgemeinde wurde ihm häufig von der "grauen Eminenz" aus dem Pfarrhaus, dem Stadtpfarrer Dorbath sowie den nationalkonservativen Kräften erschwert.

Dennoch gelang es ihm während seiner vier Amtsjahre (1925 – 1929) in Walldürn einige Akzente zu setzen. So wurde das historische Rathaus umgebaut, so dass es bis heute noch Sitz des Bürgermeisters ist. Weiter sorgte Trautmann für die Entwässerung und Sanierung der Ortsstraßen und für die Einrichtung einer Handelsschule in Walldürn.

14. November 1926

Sozialdemokratische Partei - Wahl der Gemeindeverordneten

Zwar war die Arbeiterbewegung in Walldürn immer noch gespalten, die Sozialdemokraten traten bei den Wahlen der Gemeindeverordneten am 14. November 1926 erstmals als „Sozialdemokratische Partei“ an.

Erstmals trat die SPD als Liste 1 „Sozialdemokratische Partei“ bei der Wahl der Gemeindeverordneten am 14. November 1926 an. Daneben gab es noch eine „Allgemeine Arbeiterliste“. Immer noch wurde die Liste von Arbeitern, Steinhauern, Holz- und Waldarbeitern sowie Bahnarbeitern geprägt. Mit dem jungen Hauptlehrer Fridolin Bischof öffnete sich die Arbeiterpartei bürgerlichen Kreisen.

Fridolin Bischof war schon vor seiner Versetzung nach Walldürn am 17. November 1918 in Überlingen in die SPD eingetreten, weil er sich für die Rechte der ärmeren Bevölkerung und der sozial benachteiligten einsetzen wollte. Ihm, so wird angenommen, ist es auch gelungen die bisher gespaltene Arbeitnehmerbewegung Walldürns zu einen.

1927

Einigung der Arbeiterbewegung

Seit 1927 wurden von den einst getrennten Gruppen der Arbeiterbewegungen unter dem einigenden Dach der SPD nur noch einheitliche Listen zu Wahlen vorgeschlagen. Heinrich Trunk, der vor der Einigung auf der „Arbeiterliste“ kandidiert hatte, übernahm sogar von 1929 an das Amt des SPD-Ortsvereinsvorsitzenden in Walldürn.

Mit Fridolin Bischof, Heinrich Trunk und Wilhelm Schneider stellte die SPD drei der elf Mitglieder des Gemeinderats, der damals noch nicht von der Bevölkerung direkt, sondern vom Bürgerausschuss gewählt wurde.

Auch über die Ortsgrenzen Walldürns hinaus engagierten sich Walldürner Sozialdemokraten politisch. So vertrat Josef Heilmann von 1939 bis 1933 die Interessen seiner Heimatstadt im Bezirksrat des Landkreises.

Mit der im Oktober 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise griffen auch wieder Arbeitslosigkeit und Armut um sich und fordernden von den Walldürner Sozialdemokraten mehr als nur kommunalpolitisches Engagement.   

Angesichts der um sich greifenden Not waren Fürsorgemaßnahmen für sozial schwache Mitglieder und Nahestehende geboten. In diese Zeit fällt auch die Gründung der Ortsgruppe des Reichsbundes (heute „Sozialverband Deutschland e.V.“), der zu den ältesten sozialpolitischen Verbänden Deutschlands zählt.

Die Gründung der Ortsgruppe des Reichsbundes in Walldürn war maßgeblich von Sozialdemokraten, wie Fridolin Bischof und Josef Heilmann betrieben worden.

Josef Heilmann sollte sich über 50 Jahre im Reichsbund als Betreuer der Kriegsopfer und sozial benachteiligten engagieren und hierfür im Jahr 1973 zum Ehrenvorsitzenden ernannt werden.


1933 - 1945

Widerstand und Verbot


Mit der sogenannten Machtergreifung, der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichs­kanzler am 30. Januar 1933, wurde das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte aufgeschlagen. Auch Walldürn und die Walldürner SPD blieben von diesem Tief­punkt der europäischen Geschichte nicht verschont.

 

Mit Hilfe des Ermächtigungsgesetzes vom 24. März 1933 und Notverordnungen wurde die Weimarer Republik und die Demokratie defacto abgeschafft.

 

Sehr eindrücklich beschreibt sein Sohn Heinz Bischof, wie er es als Kind miterlebt hat, als sein Vater im März 1933 verhaftet wurde. Die Familie war auf ihrem sonntäglichen Spaziergang auf der Walldürner Heide. Um seinem Buben ein paar Stöcke schneiden zu können trug Fridolin Bischof ein kleines Küchenmesser bei sich. Auf der Höhe des Steinbruchs der Firma Schneider erschienen hinter der Familie zwei Männer in dunklen Regenmänteln. "Sie fragen Vater, ob er der Lehrer Bischof wäre. Dann nahmen sie ihn in die Mitte und führten ihn von uns, seinen Kindern, weg". Fridolin Bischof wurde zuerst in die Wachstube im Walldürner Rathaus verbracht und später in das Gefängnis in Buchen eingeliefert. Dort war er in "Schutzhaft" eingesperrt, bis er im August in Rahmen einer Amnestie entlassen wurde.

 

Die beiden Gemeindeverordneten der SPD Franz Gaukel und Wilhelm Kaufmann wurden am 24. Juni 1933 aus dem Gremium ausgeschlossen und mussten ihre Mandate niederlegen. Die ent­sprechenden Verfügungen wurden den Sozialdemokraten am 1. Juli 1933 per „Zustellungs­urkunde des Gemeindedieners“ persönlich zugestellt:

 

„Der Herr Minister des Inneren hat verfügt, dass sämtliche Mitglieder der kommunistischen oder sozialdemokratischen Partei von der weiteren Ausübung ihrer Mandate im Bürgerausschuß und Gemeinderat ausgeschlossen sind.

 

Nach den Gleichschaltungsbestimmungen gehörten Sie bisher der sozialdemokratischen Partei und somit dem Bürgerausschuß an. Mit Wirkung vom 24. Juni 1933 ist Ihre Tätigkeit im Bürgerausschuß beendet und haben Sie sich infolgedessen jeder Tätigkeit zu enthalten.“

 

Am selben Tag, dem 31. Juli 1933, erklärten die Stadträte und Ersatzkandidaten der „Deutschen Zentrumspartei“ geschlossen ihren Verzicht auf ihr Mandat. Damit war der Weg für die Schergen der NSDAP frei.

 


1945 - 1954

Neuanfang


Nachdem das „Dritte Reich“, das die Welt in einem Vernichtungskrieg verschlugen hat, mit der Kapitulation beendet wurde, nach Jahren der Verfolgung und Unterdrückung, stellten sich Sozialdemokraten wieder zur Verfügung, um am Wiederaufbau des Landes und einer demokratischen Gesellschaft aktiv mitzuwirken.

Es war Josef Heilmann, der die alten Genossinnen und Genossen wieder zusammenrief, um gemeinsam mit ihnen den Ortsverein der Walldürner SPD wieder ins Leben zu rufen. Die Versammlung zur Neubegründung des Ortsvereins fand 1946 im "Deutschen Hof" statt.

 

 

Seither ist der SPD-Ortsverein wieder eine feste Größe im politischen Leben der Stadt Walldürn, der die Entwicklung der Stadt nachhaltig geprägt hat. Josef Heilmann (Stadtrat bis 1970) leitete den SPD-Ortsverein bis 1953. Er war es auch, der den ehemaligen Bürgermeister Dr. Arthur Trautmann (Bürgermeister von 1925 - 1929) für eine erneute Kandidatur als Stadtoberhaupt in Walldürn gewinnen konnte.

Einen wesentlichen Anteil an der Modernisierung und Weiterentwicklung Walldürns in den Anfangsjahren der jungen Bundesrepublik hatte Dr. Arthur Trautmann. Neben dem Bau der Kläranlage, der Gründung des Wirtschaftsgymnasiums, der Förderung des sozialen Wohnungsbaus und wichtiger Industrieansiedlungen war vor allem die Gewinnung des Bundeswehrstandortes ein herausragender Erfolg Trautmanns.

 

Bereits im Jahr 1952 hat Dr. Trautmann weitsichtig und pragmatisch eine Diskussion zur Ansiedlung einer Garnison in Walldürn angestoßen – zu einem Zeitpunkt, als in der Bundespolitik noch die Frage der Wiederbewaffnung kontrovers diskutiert wurde. Mit einem Artikel „Zur Frage der Errichtung neuer Garnisonen“ in der örtlichen Presse forderte Trautmann, dass das „Badische Hinterland“ ernsthaft prüfen müsse, ob es seinen Anteil an dieser Entwicklung fordern müsse. Und im doppelten Sinne kontrovers war auch die Diskussion in Walldürn, weil die Bestrebungen Traumanns von der örtlichen SPD unterstützt wurden, während die örtliche CDU damals gegen die Ansiedlung einer Garnison war. Dabei wollte sich Trautmann nicht auf Grundsatzdiskussionen für oder gegen die Aufstellung einer Bundesdeutschen Armee einlassen – für ihn war klar, sollte die Wiederbewaffnung kommen, muss Walldürn die Chance ergreifen. Vor allem Dr. Trautmann ist es zu verdanken, dass sich Walldürn auch noch heute „Wallfahrts- und Garnisonstadt“ nennen kann.

 

Unterstützung im Gemeinderat fand Trautmann durch die Stadträte der SPD. Auf Josef Heilmann (Ortsvereinsvorsitzender von 1946 – 1953) folgte für ein Jahr Theodor Frei als Vorsitzender der Walldürner SPD, bevor Hermann Gaukel für 20 Jahre (1954 – 1974) die Geschicke des SPD-Ortsvereins lenken sollte.